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Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer über die Autobiografie »Freiheit« von Angela Merkel, gemeinsam verfasst mit Beate Baumann:
»Es zeigt eine Seite der Bundespolitik, von der man dieser Tage meinen könnte, es gäbe sie längst nicht mehr.«
Ich bin von mir selbst überrascht, aber ja, hier bin ich und empfehle die Autobiografie »Freiheit« von Angela Merkel und Beate Baumann. Dabei fing die Sache mit mir und dem Buch wenig vielversprechend an: Ich kaufte es ehrlicherweise nicht aus literarischem Interesse, zu viele Kritiken hatten das Buch – warum auch immer – heruntergeredet. Nein, ich kaufte es schlicht, weil mir gesagt wurde, dass ich darin erwähnt würde. Das wollte ich mir dann doch angucken, und siehe da, auf Seite 616 berichtet Angela Merkel von unserem Treffen im Kanzleramt. Und das sage jemand, Klimaaktivismus überrasche nicht mehr. Ich filmte die Erwähnung ab, auf Instagram wurde der Clip dazu bis heute eine Million Mal angeguckt.
Als diese 42-Euro-Veranstaltung auf meinem Schreibtisch lag, sogar mit abgedruckten Fotos, guckte ich doch nochmal länger hinein – und bin seitdem mit »Freiheit« gut beschäftigt. Es ist nicht nur einfach sehr, sehr gut geschrieben. Nahbar, abwechslungsreich, schmunzelnd, präzise und kurzweilig zugleich – was für sich genommen eine bemerkenswerte Leistung ist. (Wem das zehnte Telefonat zwischen dem Finanzminister und der Kanzlerin in der Eurokrise zu viel wird, der kann jederzeit ein paar Seiten nach vorne springen und findet sicherlich eine andere lesenswerte Geschichte.)
Nein, was mich an »Freiheit« begeistert, ist aber etwas anderes: Es zeigt eine Seite der Bundespolitik, von der man dieser Tage meinen könnte, es gäbe sie längst nicht mehr. Das ist Politik, die denkt: Komme, was wolle. Die weniger von Polemik und Populismus und viel eher von der tiefen Neugier getrieben wird, dass es da draußen noch eine bessere Lösung für ein Problem gibt. Diese Facette der Politik gibt es nicht ohne den Zweifel, ohne den präzisen Blick auf die Dinge, ohne den Respekt für das Unbekannte, oder den Unbekannten ohne die Größe, den eigenen Kurs zu hinterfragen.
Bei Gott bin ich mit vielen beschriebenen Entscheidungen nicht einverstanden, kritisiere Merkels Vorgehen oder politische Abwägungen. Wer eine Abrechnung von Merkel mit ihrer eigenen Politik erwartet, der muss vielleicht eine der endlosen anderen Publikationen über die Ära Merkel zur Hand nehmen. Mir hat dieses Buch etwas gegeben, was ich in einem schwer zu ertragenden Wahlkampf meinte vorübergehend verloren zu haben: Echte Begeisterung für das politische Handwerk. Und Wertschätzung für die vielen kleinen Schritte, die hinter großen Worten stehen.
Was für mich persönlich nachhallt: Ich bin mit vollem Herzen Aktivistin. Dennoch werde ich seit sechs Jahren vergeblich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, selbst in die Mandatspolitik zu gehen. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber zumindest habe ich bisher kein inspirierenderes Argument kennengelernt als dieses Buch. Das sagt weniger über mich und viel mehr über das Buch und seine Autorinnen aus.
Luisa Neubauer ist eine der prominentesten Klimaaktivistinnen weltweit und Mitbegründerin der »Fridays for Future«-Bewegung in Deutschland. Seit 2020 hostet sie den Klimapodcast »1,5 Grad«. Außerdem hat sie gerade wieder ein neues Buch veröffentlicht. In »Was wäre, wenn wir mutig sind?« analysiert sie die Machtkämpfe hinter der Klimakrise und zeigt, wie eine realistische Utopie auf unserem Planeten aussehen könnte. Ein schmales Buch, welches den Ernst der Lage deutlich benennt und dabei trotzdem für die Hoffnung plädiert. 144 Seiten, die hoffentlich viele Leserinnen und Leser finden.