ZEIT-Redakteur Alard von Kittlitz über »Ein gerader Rauch« von Denis Johnson

»Vieles an dem, was mir bei Johnson so gefällt, ist wohl auch einfach die Folge von hoher Intelligenz, tiefer Sinnlichkeit, moralischer Aufrichtigkeit und menschlicher Größe, die zusammengenommen einen Sog, eine immense Intensität und Dichte entstehen lassen von Eindruck und Gedanke und Gefühl.«

Weil ich lange fast ausschließlich von Männern geschriebene Bücher gelesen habe, versuche ich seit einer Weile, mich auf Autorinnen zu konzentrieren. Ich mache mit dieser Devise, wie sich denken lässt, keine Verluste. Aber ich hänge mein Fähnchen damit ja ohnehin auch bloß nach dem Wind. Gegenwart und absehbare Zukunft der Literatur gehören offensichtlich den Frauen.

In diesem Sinne scheint es mir okay, hier einen Roman vom zunehmend analphabetischen, geistig schwächelnden Geschlecht, also einen von einem Mann verfassten Roman zu empfehlen: »Ein gerader Rauch« von Denis Johnson (erschienen 2007, zehn Jahre vor Johnsons Tod).
Vielleicht ist es meine eigene déformation professionelle, aber was mich als Leser mit am meisten gefangen nimmt, ist gutes Schreiben. Ich könnte niemals sagen, worin das genau besteht, es muss unendlich viele Variationen davon geben, aber, um die berühmte Pornographie-Definition des amerikanischen Verfassungsrichters Potter Stewart zu paraphrasieren – ich erkenne es, wenn ich es vor mir habe.

Denis Johnson schreibt, finde ich, fast vollkommen. Ganz, ganz selten finde ich ihn trickreich, allermeistens aber kommt er mir wie ein echter Magier vor, ich lese die Absätze also wieder und wieder und verstehe doch nicht, wie er das macht: die Atmosphäre so dicht machen, dass sie mich berauscht, oder das Banale auf einmal kosmisch relevant erscheinen lassen, oder plötzlich glasklare (und fast immer liebevolle) Einsicht in die Herzen der verschlossensten Menschen gewähren.

Manches fällt mir schon auf – er muss eine wirkliche Obsession mit Adjektiven gehabt haben, zum Beispiel – aber vieles an dem, was mir bei Johnson so gefällt, ist wohl auch einfach die Folge von hoher Intelligenz, tiefer Sinnlichkeit, moralischer Aufrichtigkeit und menschlicher Größe, die zusammengenommen einen Sog, eine immense Intensität und Dichte entstehen lassen von Eindruck und Gedanke und Gefühl.

»Ein gerader Rauch« beginnt schon unvergesslich, mit dem gewaltsamen Tod eines kleinen Tieres, dessen Eingang ins Nichts so seltsam still und eindringlich beschrieben wird, dass sich in mir beim Lesen vor Verzweiflung alles verknoten will. In einer anderen Szene, die mir irgendwie jedes Mal sofort einfällt, wenn ich an das Buch zurückdenke, springt ein Matrose in einer besoffenen Schlägerei dem am Boden liegenden Gegner mit beiden Füßen in den Bauch – ein Move, der sich offenbar »bronco-stomp« nennt und, so weit der Matrose weiß, tödlich ist, aber er hat solche dumme Angst davor, dass der ihm physisch total überlegene Gegner wieder auf die Beine kommt und ihn verdrischt und ihm die (heimlich ja längst entlarvte) Selbstlüge der eigenen Unschlagbarkeit aufzeigt, dass er in diesem Augenblick lieber Mörder werden will, denn in der Keilerei desillusioniert zu werden. Der bronco-stomp ist nicht tödlich, aber wie Johnson in ein paar Zeilen die rauschinduzierte Dummheit und Angst des Matrosen schildert, ist so unglaublich komisch, und so wohlwollend noch diesem armen, totschlag-willigen Kerl gegenüber, es ist so einsichtig in die Notdurft, in die uns das Dasein zwingen kann, dass ich mich als Leser dabei wie umarmt fühle von dem Autor.
Ich gestehe hier ungern, dass ich das Buch nur auf Englisch gelesen habe (»Tree of Smoke«). Ich kann für die deutsche Übersetzung nicht die Hand ins Feuer legen, aber ich gehe davon aus, dass der wahre Kern des Buches kaum zerstört werden kann, und die Haltung des Autors ohnehin nicht. »Ein gerader Rauch« ist übrigens ein Vietnamkriegs-Roman, wobei sich die Figuren alle an der Peripherie des Krieges bewegen, und vom Krieg zwar transportiert werden, den Krieg aber, trotz aller Bemühungen, nicht wirklich selbst irgendwie bewegen können (wahrscheinlich ist das ja auch die Realität des Krieges?).

Zugleich würde ich das Buch nie als Kriegsbuch beschreiben. Eigentlich geht es, wie in jedem guten Buch, um das Ringen der Hauptfiguren mit unserem komischen Dasein, mit dieser Bürde, mit diesem Geschenk.

 

ZEIT-Redakteur Alard von Kittlitz ist aufgewachsen in Indien, Äthiopien und Deutschland. Sein unlängst erschienener Debütroman »Sonder« ist ein Experiment aus dem Grenzbereich von Reportage und Erzählung. Die Kollegen vom Spiegel schreiben über ihn: »Er schreibt, wie Netflix erzählt: in großen Bildern, mit passendem Soundtrack, mit Empathie für Antihelden.«

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