ZEIT-Redakteurin und langjährige ZEIT-Textchefin Anna von Münchhausen über den Bildband: »Virginia Woolf’s Garden. The Story of the Garden at Monk‘s House« von Caroline Zoob, fotografiert von Caroline Arber:

»Wer sich zwei, drei Stunden durch diese Bilder und Texte treiben lässt, taucht danach auf, als habe er eine Reise gemacht und nebenbei eine ungewöhnliche Biografie gelesen.«

 

Hat man jemals schon so heftig auf die Frühlingsblüher gewartet wie 2021? Auf Narzissen, Forsythien und Magnolien? Das Einzige, was blüht und gedeiht, sind die Corona-Inzidenzen. Da braucht es Ablenkung. Jetzt habe ich mir einen Band aus dem Regal geschnappt, der gleich zwei Leidenschaften bedient, nämlich Literatur und Gartenliebe. Lassen Sie sich nicht abschrecken vom Titel »Virginia Woolf’s Garden«. Sie müssen kein einziges Buch der britischen Autorin gelesen haben. Sie können keine Clematis von einer Rose unterscheiden? Ganz egal, dieser Band tröstet und unterhält auch Nicht-Gartenfans. Wir finden uns also wieder in Rodmell, einem Dorf in Sussex, in dem zwei Intellektuelle gelebt und gegärtnert haben. Virginia Woolf, die hagere Londonerin, war verheiratet mit dem Autor und Verleger Leonard Woolf. »Ein Zimmer für sich allein« lautet der Titel ihres berühmten Essays, der zur Bibel der Frauenbewegung wurde. Das Paar hatte keine Kinder – Bücher und dieser Garten, das war ihr Leben. Leonard, der Obergärtner, grub, säte, pflanzte und probierte mit Leidenschaft neue Sorten aus, während Virginia, die Assistentin, die Gießkannen herbeischleppte und damit kokettierte, sich keine Namen der Pflanzen merken zu können. Zusammen schufen sie zwischen 1920 und 1941 ein Gartenkunstwerk: Versteckt hinter sonnengewärmten Mauern und Eibenhecken, überbordend mit Rosen, Stauden und Gebüsch, in raffinierten Farbzusammenstellungen, aber niemals manikürt. Gepflasterte Wege mäandern zwischen grünen Salons, Fischteichen und Obstgehölzen. Wir sehen Baumskulpturen, wie die beiden großen Ulmen, die Freunde Virginia und Leonard tauften. Wie lernen das Blockhaus kennen, in dem die meisten der Romane entstanden sind. Wir meinen, den Duft von Kletterrosen und Glyzinien einzuatmen und den Blütenstaub in der Luft flirren zu sehen. Eingestreute Tagebuchnotizen und nicht zuletzt die Fotos aus dem Album der Woolfs erinnern daran, dass dieser magische Ort in schweren Zeiten entstand. Krieg brach aus, Geldsorgen gab es und immer wieder düstere Tage in Gestalt von Depressionen, kaum hatte Virginia ein Buch fertiggestellt. Am Ende ließ sie, die gute Schwimmerin, mit einem Stein in der Manteltasche ihr Leben im nahen Fluss Ouse. Leonard überlebte seine Frau um 28 Jahre. Der Garten trauerte, bis ihn schließlich der National Trust übernahm. Caroline Zoob, die Autorin, lebte als Mieterin in Monk’s House und lernte Haus und Garten immer besser kennen. Sie lichtete aus, was verwildert war, und pflanzte nach, was sich verabschiedet hatte. Caroline Arber fotografierte, im Morgengrauen, in der Dämmerung, sogar im Winter, und Cecil Woolf, ein Neffe von Leonard, hat ein wehmütiges Vorwort beigesteuert. Wer sich zwei, drei Stunden durch diese Bilder und Texte treiben lässt, taucht danach auf, als habe er eine Reise gemacht und nebenbei eine ungewöhnliche Biografie gelesen.

Anna von Münchhausen war langjährige ZEIT-Textchefin und bleibt unserem Haus auch im wohlverdienten Ruhestand verbunden. So begleitet sie diesen Newsletter redaktionell, schreibt als Autorin weiter fürs Blatt und springt auch immer mal wieder als Textchefin bei der ZEIT ein. Und dann hat Anna auch noch selbst ein Buch geschrieben. Darüber, was man so erlebt, wenn man »von Münchhausen« heißt. »Der Lügenbaron – Mein phantastischer Vorfahr und ich« erschien im vergangenen Jahr zum 300. Münchhausen-Geburtstag. Eine heitere Mischung aus Abenteuern und biografischen Fakten zu Hieronymus und den Anekdoten der Nachfahren.

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