Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Annette Hess über den Briefwechsel »Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft« von Astrid Lindgren und Louise Hartung:
»Wahr, uneitel, geistreich«
Das Buch in einem Satz
Zwei famose Frauen schreiben sich Briefe: wahr, uneitel, geistreich – und man darf mitlesen.
Wie sind Sie auf das Buch gekommen?
Astrid Lindgren ist seit Kindheitszeiten mein Vorbild, meine Heldin, ach, sagen wir ruhig: meine Göttin. Entsprechend interessiert mich ihre Person. So war ich sehr glücklich über die Veröffentlichung dieses Briefwechsels zwischen ihr und der deutschen Sängerin und Pädagogin Louise Hartung. Sie schrieben sich von 1953 bis 1964 über 600 Briefe.
Was macht das Buch für Sie gerade jetzt aktuell?
Astrid Lindgrens Vermächtnis als Pazifistin brauchen wir ja leider mehr denn je. Im Besonderen ist dieser Briefwechsel von zwei Menschen so inspirierend, da sich beide auf ihre Weise für Humanismus und Bildung einsetzen, da beide unermüdlich auch mit Bürokratien und Zensur kämpfen. Astrid Lindgrens Wirken ist berühmt. Louise Hartungs Lebensleistung wurde erst durch diesen Briefwechsel bekannt: Hartung hat nach dem Zweiten Weltkrieg im Jugendamt von West-Berlin zahlreiche progressive Initiativen begründet, unter anderem die »Montags-Lesekreise«, worüber sie 1953 Astrid Lindgren kennenlernte. Beide Frauen setzten sich als Weltverbesserinnen da ein, wo es am sinnigsten erscheint: bei jungen Menschen.
Wen würden Sie vor dem Buch warnen und warum?
Es ist keine Geschichte, keine gestaltete Fiktion, sondern das Leben selbst: unvollkommen, schmerzhaft, überraschend, banal, lebhaft, mit vielen unauflösbaren Konflikten. Und mit einem traurigen Schluss, da Louise Hartung – erst 60-jährig – verstirbt, was dem Briefwechsel ein Ende setzt. Aber ich würde nicht vor dem Buch warnen, sondern davon schwärmen. Man erfährt viel über die Nachkriegszeit in Schweden und Deutschland, über den Wiederaufbau. Auch die Tatsache, dass Hartung in Lindgren verliebt war und zu Beginn recht offensichtlich um sie wirbt – was Lindgren dann irgendwann zart abwürgt –, gibt der Lektüre einen zusätzlichen Reiz.
Was bleibt nach dem Lesen?
Begeisterung über die Kunst und Wehmut über die Vergänglichkeit. Und die Frage: Warum hat man(n) Astrid Lindgren nicht den Literaturnobelpreis verliehen!?! Das bleibt ein immerwährender Skandal.
Haben Sie beim Lesen des Buches etwas Neues (über sich) gelernt?
Tatsächlich hatte ich mitten in der Lektüre einen Geistesblitz. Lindgren schreibt Hartung 1954 über ihre Erfindung einer neuen, etwas seltsamen Figur. Karlsson vom Dach. Sie ist unsicher und schickt Hartung einen ersten Text, sie tauschen sich darüber aus. Karlsson vom Dach ist ja definitiv der umstrittenste Charakter im Lindgren-Kosmos: selbstsüchtig, manipulativ, penetrant, und doch nimmt er dem Jungen Lillebror die Einsamkeit, er gibt ihm Mut und Selbstvertrauen. Karlsson wirkt tröstlich und zerstörerisch zugleich. Nun schrieb Astrid Lindgren in ihren Briefen auch immer wieder in Andeutungen über den Alkoholismus ihres Mannes Sture. 1952 verstarb dieser dramatisch an den Folgen seiner Sucht – mit nur 53 Jahren. Zwei Jahre später erscheint Lindgren also dieser Karlsson, über den ich viel gerätselt habe – und jetzt bin ich davon überzeugt, dass er für den Alkohol steht. Mit ihm kannst du fliegen, aber er nimmt dir die Bonbons weg und zerstört deine Dampfmaschine, deine Kraft. Lillebrors Familie sagt am Ende von Band eins: Ja, wir sehen ihn, aber wir wollen ihn geheim halten. Dass Astrid Lindgrens Erleben als unverheiratete junge Mutter und ihr Verhältnis zu ihrem Sohn Lars maßgeblicher Quell für ihr Werk waren, ist bekannt. Ihre Kreation Karlsson hat mich wieder und mehr Astrid Lindgrens Genie begreifen lassen: Sie hat intuitiv (nicht bewusst natürlich) ihr Trauma um ihren Mann gestaltet, ohne dabei zu verurteilen. Denn Karlsson wird nicht verteufelt.
Wenn Sie mit einem Charakter aus dem Buch tauschen könnten, welcher wäre das und warum?
Ich möchte mit keiner der beiden Frauen tauschen, aber ich hätte die beiden zu gern mal auf einer ihrer kleinen Autoreisen nach Süddeutschland – in Hartungs Sportwagen genannt »Heidekind« – begleitet. Und mit ihnen über »Das Schweigen«(1963) von Ingmar Bergman gestritten. Darüber haben sie sich auch ausgetauscht und ziemlich prüde den angeblich kalkulierten Sexskandal kritisiert.
Wo lesen Sie am liebsten und warum?
Inzwischen höre ich mehr Hörbücher, als dass ich lese. Beim Zuhören – meistens bei meiner täglichen Waldrunde – kann ich mich ganz einlassen. Beim Lesen bin ich oft ungeduldig und neige zum Überfliegen. Das ist, glaube ich, leider eine »deformation professionelle«. Geschriebener Text ist für mich Werkstoff. Was kann weg? Was ist gut?
Und was lesen Sie sonst so?
Mich interessieren vor allem authentische Texte, Tagebücher, Briefe, Lebensbeschreibungen. Gerade beschäftige ich mich – wieder einmal – mit Walter Kempowski, mit seinem »Echolot. Ein kollektives Tagebuch«, einer chronologisch geordneten und unkommentierten Collage von Aufzeichnungen aus unterschiedlichen Perspektiven während des Zweiten Weltkriegs. Ich glaube, näher als in dieser Vielstimmigkeit kann man der Wirklichkeit einer Vergangenheit nicht kommen. Leider gibt es das nicht als Hörbuch, das wäre auch mindestens 100 Stunden lang. Ich wollte das Echolot auch mal als TV-Serie adaptieren – bei dem Umfang erklären einen aber leider alle für verrückt.
Annette Hess gehört zu den erfolgreichsten Drehbuchautorinnen des Landes. Besonders bekannt und beliebt sind ihre Serien »Weissensee« und »Ku’damm« (bisher 56, 59 und 63). Vom 12. bis 14. Januar ab 20.15 Uhr läuft nun die neue Staffel »Ku’damm 77« rund um Familie Schöllack und deren Tanzschule »Galant« im ZDF. Die neue Staffel, die Hess‘ Lieblingsstaffel ist, können Sie hier in der ZDF-Mediathek anschauen.