© Michelle Müntefering

Franz Müntefering, ehemaliger SPD-Parteichef und Bundesminister unter Gerhard Schröder und Angela Merkel, empfiehlt »Le Mensch« von Alfred Grosser:

»Alfred Grosser schreibt über Menschen, er macht daraus keine Philosophie des Menschseins auf Wolke Sieben. Er ist konkret, in der Realität. Und er setzt auf Aufklärung und Vernunft.«

Ich empfehle »Le Mensch« von Alfred Grosser, dem französischen Politikwissenschaftler, 1925 in Frankfurt/Main geboren, seit 1933 mit seiner Familie in Paris. Jüdischer Herkunft. Weshalb? Wenn jemand zu einem komplexen Thema einen Text schreibt, der ohne Gespreiztheit auskommt, finde ich das prima. Einfach zu schreiben, ohne simpel zu werden, ist eine große Tugend und Fähigkeit. Alfred Grosser schreibt über Menschen, er macht daraus keine Philosophie des Menschseins auf Wolke Sieben. Er ist konkret, in der Realität. Und er setzt auf Aufklärung und Vernunft.

Ob das Buch aktuell ist? Für mich ja, ob allgemein, weiß ich nicht genau. Wäre aber gut. Es geht um Verantwortung. Für sich selbst und für andere. Im Untertitel steht: »Die Ethik der Identitäten«. Thema ist die eigene Identität und sind die Teilidentitäten, in denen man lebt – als Deutscher, als Mann, als Politiker. Wer bin ich selbst und will ich sein? Und wie gehe ich um mit meiner Mitverantwortung für die Identitäten, deren Teil ich bin? Lasse ich mich identifizieren mit gestanzten Vorurteilen, mit fragwürdigen Normen? Was bedeutet mein Deutschsein? Für meine Generation war das lange Zeit eine wichtige Frage. Was in unserer Kindheit und Jugend verdrängt und dann immer offenbarer wurde, war mit Stolz aufs Vaterland schwerlich vereinbar. Die Schuld an zwei Weltkriegen und die Verbrechen an jüdischen Menschen und Minderheiten ließen Stolz auf die eigene Mit-Identität »Deutscher« lange nicht zu. Wir Jungen hatten Zweifel an schwarzrotgoldenen Fahnen auf den Wahlplakaten der SPD in den siebziger Jahren. Wenngleich wir wussten, dass genau diese Farben nichts mit deutschen Verbrechen zu tun hatten. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich Grossers Buch lese. Alfred Grosser geht souverän mit der deutschen Geschichte um. Seiner Einleitung über fünf Seiten gibt er den lakonischen Titel: »Selbstdarstellung«. Er demonstriert: Er geht bei dem, was er hier schreibt, von seiner eigenen Identität aus. Und die ist ihm wichtig. Das nächste Kapitel heißt: »Der Finger und das schlimme DIE«. DIE Deutschen, DIE Frauen. Zwei Identitäten, beispielhaft. Dass sich nicht alle Deutschen der verordneten nationalistischen Identität unterordneten, sondern einer anderen Ethik folgten, wird klar angesprochen. Grosser relativiert nicht, aber er differenziert: Nein, es gab viele solche und doch auch andere. Er sieht DIE Deutschen nicht in Kollektivschuld. DIE Frauen. Grosser zeigt an Jahreszahlen noch einmal, wie lange Frauen in einer Identität gefangen waren, die mit Gleichwertigkeit der Menschen unvereinbar war. Bis in die jüngeren Jahrzehnte hinein und vielerorts immer noch, zum Beispiel beim Wahlrecht in sogenannten Demokratien.
Was auffällt: Mindestens so lange wie mit Geschichte und Politik befasst er sich mit Religion und zeigt deren viele Gesichter. Aber auch auf diesem Feld bleibt er bei seiner Identität als Aufklärer, um Objektivität bemüht. Er schreibt, seine Frau sei gläubige Katholikin und er Atheist. (Man schmunzelt. Denn für einen wie ihn muss es schwierig sein, sich in solch einer essentiellen Frage über etwas zu definieren, dessen Existenz er verneint. Er muss seine Frau sehr mögen.). Soweit Alfred Grosser.

Ob ich dieses Buch jemandem nicht empfehlen würde? Nein, das passt immer. Und Lesen gefährdet bekanntlich auch die Dummheit. Man merkt es selbst. Vorurteile haben wenig Chancen.

Als weitere Lektüre der jüngeren Zeit kann ich Gerald Hüther nennen, »Raus aus der Demenzfalle« und von Ulrich Beck (der uns fehlt) »Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen« sowie von dem französischen Historiker Pierre Rosanvallon »Die Gegendemokratie – Politik im Zeichen des Misstrauens«.
Und, immer wieder, Albert Camus, zu dem Alfred Grosser einige erfreuliche Schlenker macht. Heute habe ich Joschka Fischers »Willkommen im 21. Jahrhundert« angefangen. Echt stark, der junge Mann.

Franz Müntefering ist seit 1966 Mitglied der SPD. Dieses Jahr feierte er seinen achtzigsten Geburtstag. Er war Generalsekretär, Verkehrsminister, Fraktionsvorsitzender, Parteichef, Bundesarbeitsminister und Vizekanzler. Vor einigen Wochen erschien sein Buch »Das Jahr 2020+ – Übers Einmischen, Mittun und ein gutes Stück Leben auch im Ältersein«.

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