ZEIT-ONLINE-Redakteur und Mediziner Jakob Simmank empfiehlt das Sachbuch »Gewalt und Mitgefühl« von Stanfort-University-Forscher Robert Sapolsky:

»Mir gefällt, dass Sapolsky keine einfachen Antworten verspricht, sondern immer wieder betont: Unser Verhalten hängt zu sehr von der Umwelt ab, die uns gerade umgibt.«

 

Eigentlich ist das, was Robert Sapolsky da in seinem Buch »Gewalt und Mitgefühl« versucht, unmöglich. Ich mag das Buch aus genau diesem Grund. Der Primatenforscher Sapolsky (sieht mit seinem weißen, lockigen Rauschebart einhundertprozentig so aus wie ein Zwerg aus einem der »Herr der Ringe«-Filme) versucht in einem einschüchternden Wälzer zu erklären, warum Menschen sich verhalten, wie sie sich verhalten. Größer kann eine Fragestellung kaum sein. Und so ist die Reise des Buches auch sehr lang: vom Neurotransmitter Dopamin über das oft falsch verstandene Hormon Oxytocin, die Verschaltung des für Angstreaktionen wichtigen Mandelkerns, die Mechanismen, die der Evolution zugrunde liegen, bis hin zu Moralpsychologie und Propaganda. Und, ja, natürlich geht es auch um Kultur.

Mir gefällt, dass Sapolsky keine einfachen Antworten verspricht, sondern immer wieder betont: Unser Verhalten hängt zu sehr von der Umwelt ab, die uns gerade umgibt. Besonders beeindruckt hat mich, wie überzeugend – weil durch Hunderte Studien belegt – Sapolsky darlegt, dass Menschen automatisch, unbewusst und fortwährend andere Menschen Gruppen zuordnen. Ob wir wollen oder nicht, wir alle unterscheiden fortwährend zwischen »wir« und »den anderen«. Wer den Schaden, den diese Schubladisierung anrichtet (Stichwort: Rassismus oder Nationalismus), abfedern will, findet in Sapolskys Buch übrigens ein paar gute Vorschläge. Spoiler: Die anderen niederschreien oder blamen gehören nicht dazu.

Nicht alles, was im Buch steht, war mir neu. Ich bilde mir trotzdem ein, dass es mich ein ganzes Stück klüger gemacht hat. Allerdings habe ich es während des Lesens ein paarmal zur Seite gelegt und einen Roman (Sally Rooney: Gespräche mit Freunden) oder Reiseliteratur (Paul Theroux: On the Plain of Snakes) zwischengeschoben. Denn so toll und witzig geschrieben »Gewalt und Mitgefühl« auch ist: Es ist wirklich kompliziert. Wer sich noch nie mit der Biologie des Menschen beschäftigt hat, der sollte dieses Buch also nur lesen, wenn er Lust hat, sich noch einmal ein wenig wie im Hörsaal zu fühlen.

Jakob Simmank ist Redakteur im Wissen-Ressort von ZEIT ONLINE. Als Mediziner ist der Kollege seit Wochen für die Corona-Berichterstattung im Einsatz. Kürzlich hat er selbst ein Buch veröffentlicht: »Einsamkeit: Warum wir aus einem Gefühl keine Krankheit machen sollten«. In diesem Essay fordert er einen differenzierteren Blick auf Einsamkeit, die kein zu beseitigendes Übel, sondern viel mehr ein ambivalentes Gefühl sei. Statt über Einsamkeit als Krankheit müsse man über so­zia­le Isolation sprechen, so Sim­mank.

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