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Julia-Niharika Sen über »Fabelhafte Rebellen. Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich« von Andrea Wulf:

»Es geht um die – für uns heute selbstverständlichen – Freiheiten des Lebens und Denkens«

 

Wie sind Sie auf das Buch gestoßen? 
Ich war so etwas wie eine Erstleserin. Denn die Autorin Andrea Wulf – mit der ich seit der Kindheit befreundet bin – hat mich schon früh gefragt, was ich von ihrer Idee hielte, ein Buch über all die klugen, revolutionären, aber auch streit­lustigen Denkerinnen und Denker zu schreiben, die sich in den 1790er-Jahren in der Universitäts­stadt Jena trafen: die Dichter Goethe, Schiller und Novalis, aber auch die Philosophien Fichte, Schelling und Hegel, die Schlegel-Brüder und die frei­geistige Caroline Schlegel. Es geht um die – für uns heute selbst­verständlichen – Freiheiten des Lebens und Denkens, für die sie auf unglaubliche Weise gekämpft haben. Sie waren so etwas wie eine große WG (auch wenn nicht alle unter einem Dach wohnten), die philosophisch, poetisch und auch gesellschafts­politisch viele alte Ideen und Konventionen »über den Haufen warf«. Sie haben für ihre Zeit verblüffend unkonventionell gelebt, und auch geliebt, und sorgten so für den einen oder anderen Skandal.

Können Sie sich mit einer Figur oder einer Stelle im Text besonders identifizieren? 
Besonders beeindruckt hat mich die wichtigste Frau im Jenaer Kreis: Caroline Schlegel-Schelling. Sie war außergewöhnlich mutig und musste sich mit ihrer Tochter allein durchschlagen. Trotz ihrer Verhaftung und harten Monaten im Gefängnis stand sie weiter ungebrochen für ihre freiheitlichen Ideen ein. Später war sie es, die den kreativen Freundes­kreis in Jena, trotz vieler Streitigkeiten untereinander, auf besondere Weise zusammenhielt. Sie schrieb und übersetzte, allerdings unter dem Namen ihres Mannes, des Literatur­kritikers August Wilhelm Schlegel. Auch für ihren zweiten Ehemann, den Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling, war sie eine überaus wichtige kreative »Stimme«.

Was bleibt/blieb nach der Lektüre hängen? 
Dass die Romantik alles andere als eine Zeit zweisamer Candlelight-Dinner war, sondern eine »Revolution des Geistes«. Und: dass all die bekannten Dichter, Denker und Philosophen alles andere als verstaubte große Namen in alten Büchern sind. Denn ihr Mut und ihre Ideen prägen unser Denken und Dasein bis heute.
Ihre Fokussierung auf das menschliche ICH war damals, in Zeiten absolutistischer Herrscher, eine wichtige Befreiung. Wie wertvoll diese Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, HEUTE noch ist, wird einem einmal mehr bewusst, wenn man sieht, wie brutal etliche autokratische Staaten derzeit gegen Menschen vorgehen, die für ihre Freiheits- und Selbst­bestimmungs­rechte kämpfen.
Dass wir diese Freiheit heute neu schätzen sollten. Gerade auch mit dem aktuellen Blick auf autokratische Staaten, in denen Menschen verfolgt, verhaftet oder sogar getötet werden, wenn sie Kritik an den Herrschenden äußern oder geltende gesellschaftliche Regeln und angebliche Wahrheiten infrage stellen.

Und was lesen Sie sonst so? 
Ich habe zuletzt »Die Haupt­stadt« von Robert Menasse gelesen. Ein sehr lakonisch und unterhaltsam geschriebener Roman über die Auswüchse des europäischen Politik­betriebs in Brüssel, mit vielen komisch-absurden Ereignissen und Wendungen. Inzwischen liegt schon sein neues Buch, »Die Erweiterung«, auf meinem Nachttisch.

Die Journalistin und Fernseh­moderatorin Julia-Niharika Sen gehört zum Sprecher*innen-Team der Tagesschau. Das NDR-Publikum kennt sie außerdem seit vielen Jahren als Moderatorin verschiedener Sendungen, u. a. des Nachrichten-Magazins »Hamburg-Journal«. Bereits zweimal führte Sen durch die Verleihung des renommierten Marion-Dönhoff-Preises, den sie zuletzt an Irina Scherbakowa überreichte, die kurz darauf den Friedens­nobelpreis für die russische Menschen­rechts­organisation Memorial entgegen­nahm.  Julia-Niharika Sen hat sich viele Jahre als Mitbegründerin des Vereins »Freundeskreis Tara for children« für Frauen und Kinder in Indien engagiert.

 

Fabelhafte Rebellen. Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich

von Andrea Wulf (2022)

Ende der 1790er-Jahre – als die meisten Staaten in Europa noch im eisernen Griff absolutistischer Herrscher waren – galt die Idee des freien Individuums als brand­gefährlich. Und doch wagte zu dieser Zeit eine Gruppe von Denkern in Jena, das Ich in den Mittelpunkt zu stellen. Bestseller­autorin Andrea Wulff erzählt vom turbulentesten Freundes­kreis der deutschen Geistes­geschichte, von Dichtern wie Goethe und Schiller bis zur Schrift­stellerin Caroline Schelling. Andreas Wirthenson übersetzte Wulfs Buch ins Deutsche, das sich mit der Frage auseinandersetzt, seit wann sich das menschliche Handeln um das eigene Ich dreht und wir allein über unser Leben bestimmen. ZEIT-Redakteur Fritz Habekuß sprach anlässlich ihres neuesten Buches mit Wulf über die Epoche der Romantik und die Kollision des freien Willens mit der Selbstsucht. Zum Interview →

 

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