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Die Journalistin und Autorin Katrin Eigendorf über den Roman »Sie kam aus Mariupol« von Natascha Wodin:

»Dieses Buch passt sehr gut in unsere Zeit, denn es zeigt, was Krieg mit Menschen machen kann, wie Krieg alles zerstören kann, wie schlimm Entwurzelung ist und wie wenig wir verstanden haben davon, was in diesem 20. Jahrhundert passiert ist.«

 
Richtig begeistert hat mich kürzlich nicht nur ein Buch. Ich nenne drei, darunter auch ein trauriges, das Buch von Natascha Wodin, »Sie kam aus Mariupol«. Ich habe es mir gekauft, weil mir der Titel, das Stichwort Mariupol, auffiel. Es ist die auto­biografische Geschichte von Natascha Wodin, die sich 1967 auf die Spur ihrer Familie begeben hat. So viel sie weiß, sind es Russen, die nach Deutschland gekommen sind. Als Natascha zehn Jahre alt war, beging die Mutter Suizid, diese Mutter, die sie immer nur als arme, ausgezehrte, verzweifelte, depressive Frau in Erinnerung behalten hatte. Das Einzige, was sie wirklich weiß, ist, dass die Mutter 1920 in Mariupol geboren worden war. Diese Information gibt sie ins Internet ein, und auf zufälligen, skurrilen Wegen gelangt sie auf die Spur ihrer Familie. Wie sich herausstellt, war ihre Mutter alles andere, als das, was die Tochter wahr­genommen hatte – sie stammte aus einer wohlhabenden, sehr weitläufig verstreut lebenden Familie, die zur Oberschicht gehörte. Von dieser Existenz, diesem Privileg hatte die Mutter nie profitiert. Die Familie wurde enteignet und fiel dem stalinistischen Terror zum Opfer. All das greift das Buch auf. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die gleich zweimal zum Opfer totalitärer Regime wird. Mit ihrem wesentlich älteren Mann, den sie inmitten der Wirren heiratet, gelangt die Mutter 1944 nach Deutschland. Ob sie freiwillig gehen, vor dem stalinistischen Terror fliehen – es gab nur die Wahl zwischen zwei grauen­vollen Regimen –, oder ob sie verschleppt werden, bleibt offen. Natascha Wodin findet heraus, dass ihre Mutter als Zwangs­arbeiterin in den Flick-Konzern gebracht wird. Eine Zeit, die sie mit Mühen überlebt, doch an der ihre Seele zerbricht.
Dennoch bleibt das Paar, dessen erste Tochter 1945 geboren wird, in Deutschland. Sie bleiben zeitlebens Außenseiter. Natascha erlebt eine Kindheit voller Ablehnung.  Sie bleibt »die Russin«, »die Böse«. Die Annährung, das Überwinden der Entwurzelung, das finde ich ein wahnsinnig wichtiges Thema. Die Mutter ist unter die Räder der Geschichte geraten, in Ost wie West, auf beiden Seiten der Blöcke wurde sie Opfer zweier totalitärer Regime in diesem grauenvollen 20. Jahrhundert.
Ich habe dazu hier ein Zitat gefunden: »Sie war nicht erst in Deutschland zum Unter­mensch erklärt worden, sie war bereits in der Ukraine einer gewesen, meine arme, kleine, verrückt geworden Mutter, die aus dem dichtesten Dunkel des blutrünstigen 20. Jahr­hundert kam.«
Dieses Buch passt sehr gut in unsere Zeit, denn es zeigt, was Krieg mit Menschen machen kann, wie Krieg alles zerstören kann, wie schlimm Entwurzelung ist und wie wenig wir verstanden haben davon, was in diesem 20. Jahrhundert passiert ist, und dass Geschichte aus einseitiger Perspektive geschrieben wurde. Natascha Wodin schreibt, es sei leichter gewesen, etwas über den Mariupol-Teil ihrer Familien­geschichte herauszufinden, als über den deutschen Teil ihrer Geschichte, weil Zwangs­arbeit in Deutschland so tabuisiert ist. Alles in allem ist »Sie kam aus Mariupol«, wie gesagt, ein trauriges, aber wichtiges Buch. Und das Happy End besteht darin, dass sich die Autorin durch das Schreiben das zurückholt, was ihrer Mutter genommen wurde: ihre Identität. Das ist, was Literatur vermag!
Was ich sonst so lese? Natürlich Bücher, die mit meiner Arbeit zu tun haben, alles, was mir in die Hände fällt über die Ukraine, über Afghanistan – also außenpolitische Bücher. Zwei der Bücher, die mir zuletzt einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, wurden von Journalisten geschrieben.

Ein Buch zu Afghanistan, das ich außer den »Afghanistan Papers« von Craig Whitlock empfehlen kann, hat der Journalist Anand Gopal geschrieben: »No Good Men Among the living: America, the Taliban and the War Through Afghan Eyes«. Darin schildert er das Leben von drei Menschen in Afghanistan und wie sie die vergangenen Jahre erlebt haben: ein Taliban-Kämpfer, ein Warlord und eine Haus­frau. Es beginnt vor der Macht­ergreifung der Taliban in den Neunzigerjahren, setzt dann am 11. September 2001 ein, und dann wird immer wieder zurückgeblickt – wie diese Menschen die internationale Politik erlebt haben und was dem vorausging. Auf literarische Art zeigt es, was passiert in Afghanistan und dass die Realität nicht so schwarzweiß ist, wie wir sie manchmal sehen.

Ein drittes Buch ist ein schönes, das ich gerade eben im Urlaub wieder einmal gelesen habe, von Marcel Pagnol: »Eine Kindheit in der Provence«. Es nimmt einen mit in die Welt eines Kindes, und mich verblüfft immer wieder, wie der Autor, eben ein Erwachsener, sich auf die Perspektive eines Kindes einlassen kann. Wunderbar ist zu erleben, wie es die Erwachsenen sieht, wie sie ihm die Welt erklären, wie er die erste Liebe erlebt, sich zum Trottel macht und das Mädchen so verherrlicht, und es endet damit, dass es alles nur Trug war. Man kann tief eintauchen, in die Geschichte und in eine der schönsten Gegenden der Welt, nämlich die Provence, und dazu in eine Zeit, in der man der Natur noch viel näher war.«

Ihr Wikipedia-Eintrag benötigt mehrere Zeilen, um allein die Länder aufzuzählen, über die Katrin Eigendorf als Auslands-Korrespondentin berichtet hat: Russland (schon zu Zeiten der Sowjetrepublik), Georgien, Israel, Ägypten, die Türkei und Afghanistan. Dazu moderierte sie viele Jahre lang das »ZDF-Auslands­journal«. Regelmäßig berichtet sie seit Beginn des Krieges aus der Ukraine. Kürzlich hat sie gleich zweimal bedeutende Auszeichnungen für ihre Arbeit gewonnen: Für »ihre besondere journalistische Leistung«, nämlich mutige Reportagen über die Lage der Frauen und Mädchen in Afghanistan, erhielt sie den Grimme Preis 2022, und im September den Deutschen Fernsehpreis für die »beste persönliche Leistung Information«. Soeben ist ihr eigenes Buch erschienen: »Putins Krieg. Wie die Menschen in der Ukraine für unsere Freiheit kämpfen« (Fischer).

 

 

Sie kam aus Mariupol

von Natascha Wodin (2017)

Eine junge Frau aus der ukrainischen Hafen­stadt Mariupol wird 1944 von den Nazis nach Deutschland verschleppt – die Zwangsarbeit überlebt und doch daran zerbrochen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später macht sich ihre Tochter, die Autorin Natascha Wodin, auf Spuren­suche. 1945 als Kind sowjetischer Zwangs­arbeiter in Bayern geboren, wuchs Wodin erst in deutschen DP-Lagern, dann, nach dem frühen Tod der Mutter, in einem katholischen Mädchenheim auf. Helmut Böttiger schrieb in der ZEIT über den Roman »Sie kam aus Mariupol«, in dem es um die Suche nach der eigenen Herkunft geht: »Die Spannung steigt mit jedem einzelnen Detail, und der Zufall generiert eine spektakuläre Breitwandstory.« Zum Artikel →​

 

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