Die Autorin und Journalistin Kristina Kara über »Eine Seuche in der Stadt« von Ljudmila Ulitzkaja:

»Erstaunlich, wie ein vor über 40 Jahren geschriebener Text so viele aktuelle Fragen zum Umgang mit dem Coronavirus aufwerfen kann!«

 

Eigentlich wollte ich mich – zumindest literarisch – nicht auch noch mit Corona beschäftigen. Bis ich durch die Empfehlung einer Freundin auf »Eine Seuche in der Stadt« von Ljudmila Ulitzkaja, der Grande Dame der russischen Literatur, stieß. Die Siefried-Lenz-Preisträgerin schickt ihre Leserinnen und Leser ins Moskau der späten 1930er-Jahre. Ihre Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Auf der Suche nach einem Impfstoff gegen die höchst ansteckende und tödliche Lungenpest hatte sich ein Forscher damals selbst mit den Viren infiziert. Er merkte es ausgerechnet auf dem Weg nach Moskau, wo er seine Arbeit präsentieren sollte. Um eine Ausbreitung zu verhindern, musste der Geheimdienst all seine Kontaktpersonen in Quarantäne nehmen.

Interessantes Detail aus dem Nachwort: Ulitzkaja verfasste den Text bereits 1978, als Bewerbung für einen Kurs an der Filmhochschule. Sie wurde abgelehnt. Und nur weil sie coronabedingt zu Hause aufräumte, wie viele Menschen weltweit, fand sie das Manuskript wieder. Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Kürze und der präzisen Beschreibungen der Charaktere und Umgebungen klingt das knapp 100 Seiten schmale Drehbuch auf vielen Ebenen nach: Erfolgreiche und weniger zielführende Strategien der Pandemiebekämpfung einzelner Staaten werden in der öffentlichen Diskussion miteinander verglichen. Autoritäre Systeme gelten da mancher Stimme als vorbildliche Akteure. In Ljudmila Ulitzkajas Buch ist dann ausgerechnet ein sonst verhasster Geheimdienst dafür verantwortlich, dass sich eine höchst ansteckende Krankheit nicht flächendeckend ausbreitet. Trotzdem wertschätzt man ihn nicht.

Was ich sonst so lese? Das Kochbuch »Tante Poppis Küche« von Nikoletta Bousdoukou und Theopoula Kechagia, Nichte und Tante. Gemeinsam leiteten die beiden die Gastronomie im Jüdischen Museum in Berlin. Poppi verzichtet seit ihrer Jugend auf Fleisch und ist diesem Prinzip auch als Köchin treu geblieben. Die Gerichte zaubern den Sommer in die Küche und lassen sich gut nachkochen.

Kristina Kara ist als Redakteurin beim Zeitverlag tätig. In ihrem Buch »HAYMAT«, erschienen bei Suhrkamp, porträtiert sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Fotografen Firat Kara, 30 türkischdeutsche Persönlichkeiten, die als Kinder und Enkel von Gastarbeitern unsere Gesellschaft prägen. Aus unterschiedlichsten Perspektiven blicken sie auf ihr Leben zwischen zwei Kulturen, das geprägt ist von beruflichen Erfolgen, gesellschaftlichen Herausforderungen und einem Alltag, zu dem Integration und Alltagsrassismus, Kopftuchverbot und Feminismus, Religion und Säkularität, Ausgrenzung und Toleranz gehören.

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