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Der Schauspieler Leonard Scheicher über den Roman »Das Leben des Vernon Subutex 1« von der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes:

»Despentes zeichnet messerscharf das Bild einer zusehends polarisierenden und verrohenden Gegenwart.«

 

Ehrlich gesagt bin ich ein ziemlich langsamer Leser. Ich brauche oft mehrere Monate, um ein Buch zu Ende zu lesen. »Das Leben des Vernon Subutex 1« von Virginie Despentes verschlang ich in drei Tagen. Die Geschichte hat einen unglaublichen »Drive« und eine Schroffheit, die mich total in ihren Bann gezogen hat. Es geht um den ehemaligen Plattenladenbesitzer Vernon, seinen sozialen Abstieg und darum, wie er auf der Straße landet. Eine Verfalls­geschichte, die verschiedene Erzähl­perspektiven einnimmt und den Leser durch viele soziale und gesellschaftliche Schichten der Stadt Paris führt. Was mich daran so sehr begeistert hat, sind die Figuren, die ich einerseits in ihrer Misanthropie und Wut abstoßend fand, mit denen ich aber gleichzeitig in jedem Augenblick Mitleid haben konnte. Diese Ambivalenz von Figuren finde ich auch im Schauspiel faszinierend. Despentes zeichnet messerscharf das Bild einer zusehends polarisierenden und verrohenden Gegenwart. Sie zeigt nicht mit dem Finger darauf, sie setzt sich mitten rein ins Geschehen von Unruhen in den Vorstädten, abgehängten Front-National-Wählern und dekadenten Bankern. Für mich ist dieses Buch brandaktuell, da Hass und Hetze in der Gesellschaft irre zunehmen. Es hat zwar keinen Ausweg parat, aber die harten Fronten werden mir emotional nachvollziehbar gemacht. Wem ich dieses Buch nicht empfehlen würde? Allen, denen rohe Sprache und Wut auf toxische Männlichkeit nicht passen. Nee ehrlich, das Buch ist der Knaller. Despentes zitiert auch immer wieder Songs, die man sich parallel zum Lesen auflegen kann, und somit hat die Geschichte sogar ihren eigenen Soundtrack. Als Nächstes bin ich gespannt auf die beiden weiteren Teile der Geschichte – da »Das Leben des Vernon Subutex« eine Trilogie ist. Davor habe ich »Im Grunde gut« und »Utopien für Realisten« gelesen. Beides von dem von mir bewunderten Aktivisten und Historiker Rutger Bregmann.

 

Der Schauspieler Leonard Scheicher glänzt aktuell in der Miniserie »The Billion Dollar Code« auf Netflix. Basierend auf wahren Begebenheiten wird dort die Geschichte zweier Berliner Hacker erzählt, die vor Gericht ziehen, um als Erfinder des Google-Earth-Algorithmus anerkannt zu werden. ZEIT-Autor Daniel Gerhardt findet, wie die Serie »den bügelfaltigen Frühneunziger-Charme der IT-Welt auskostet, ist hinreißend gemein«. Scheicher ist außerdem dieser Tage auch in einer Hauptrolle auf der Kinoleinwand zu sehen. »Hannes« ist eine Coming-of-Age-Geschichte im Krankenhaus, die ab heute im Kino zu sehen ist. Darin versucht Scheicher als Moritz das Leben seines Freundes Hannes so lange weiterzuleben, bis dieser nach einem Unfall aus dem Koma aufwacht.

 

Das Leben des Vernon Subutex 1

Von Virginie Despentes (2015)

Im Mittelpunkt der Trilogie von Virginie Despentes steht der einst erfolgreiche und dann obdachlose Ex-Plattenverkäufer Vernon Subutex. Als er plötzlich auf der Straße steht, quartiert er sich mithilfe einer Notlüge reihum bei alten Freunden und Weggefährten ein – so beginnt eine Reise zu den Abgründen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Als der Roman 2015 in Frankreich erschien, führte er monatelang die Bestsellerlisten an und machte seine Autorin zu einer der wichtigsten und gefragtesten Schriftstellerinnen des Landes. Er wurde von Claudia Steinitz übersetzt. Unsere Kollegin, die ZEIT-Feuilletonistin Iris Radisch, urteilt 2018 zum Ende der Trilogie: »Einen bewegenderen Nachruf auf die subkulturellen Aufbrüche des 20. Jahrhunderts, von denen außer ein paar guten Platten nicht viel geblieben ist, hat es noch nicht gegeben.«

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