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Die Pianistin Mari Kodama über den Roman »Gefrierpunkt« von der japanischen Schriftstellerin Ayako Miura:

»Ihr Schreibstil ist voller Kraft und Lebendigkeit, raffiniert und fesselnd.«

Wenn mein Vater beruflich von einem Land ins nächste zog, hat er niemals auf den zentralen Teil seiner umfangreichen Büchersammlung verzichtet. In der Erinnerung an meine Kindheit war seine Reisebibliothek für ihn das Wichtigste unseres gesamten Umzugsguts, das alle paar Jahre in einen Container geladen wurde, wenn mein Vater für seinen Arbeitgeber, eine japanische Großbank, wieder einmal versetzt wurde. Und wir mit ihm. Kam er von einer Geschäftsreise aus Japan zurück, brachte er uns Kindern Romane mit, von den Klassikern bis zu den Bestsellern der Gegenwart. Im Ausland waren die Bücher für meinen Vater jedenfalls ein Teil seiner Heimat. Und damit von klein auf auch für meine kleine Schwester und mich. Das hat mich geprägt. Einen Fernseher gab es in unserem Haushalt nicht. Deshalb wurden auch für mich Bücher zu meinen wichtigsten Begleitern. Viele darunter las ich als Kind und Jugendliche immer wieder, manchmal so oft, bis ich ganze Passagen auswendig aufzusagen wusste. Und stets entdeckte ich etwas anderes in ihnen – neue Verbindungen und Bedeutungen, die mir vorher entgangen waren, und unendlich viel Tiefe. Allerdings habe ich damals noch nicht verstanden, warum das eigentlich so war und ist.

Heute, als Erwachsene, weiß ich natürlich, dass man Bücher immer wieder auf eine andere Art liest und versteht. Dass sie in uns jedes Mal andere Gefühle auslösen können, die uns plötzlich übermannen, obwohl wir den Inhalt längst zu kennen meinen. In Bücher kann ich mich hineinfallen lassen – ganz so wie in die Musik, die sich mir ebenso jedes Mal, wenn ich sie spiele oder höre, ganz neu erschließt. Da ich als Musikerin viel auf Reisen bin, sind auch für mich die Bücher ein Teil meines Zuhauses geworden. Viele von ihnen lese ich bis heute immer wieder. Eines Tages – ich muss 14 Jahre alt gewesen sein – brachte mir mein Vater ein Buch der japanischen Schriftstellerin Ayako Miura mit. Es handelte sich um ihren ersten Roman »Gefrierpunkt«, der in den 1960er-Jahren einen hochdotierten Preis der Zeitung »Asahi Shinbun« gewann. Ihr Buch berührte mich so sehr, dass ich danach jeden ihrer späteren Romane gelesen habe, und zwar mehrmals. Noch heute greife ich immer wieder zu ihren Werken.

Ayako Miura hat einige Bestseller geschrieben. Anders als das Gros der bekannten japanischen Schriftsteller lebte sie nicht in Metropolen wie Tokio oder Osaka, sondern verbrachte ihr gesamtes Leben auf Hokkaido, einer Insel im Norden Japans, die für die Schönheit der Natur, aber auch für unbarm­herzig raue Wetterbedingungen bekannt ist. So ist auch ihr Schreibstil – voller Kraft und Lebendigkeit, raffiniert und fesselnd. Auch wenn sie bereits vor mehr als 20 Jahren gestorben ist, werden ihre Bücher bis heute gelesen, von Jugendlichen genauso wie von Senioren. Nach einer schweren Erkrankung konvertierte Miura im Alter von 24 Jahren zum Christentum. Christliches Gedankengut spielt in ihrer Literatur eine zentrale Rolle, was bisher kaum einen meiner Landsleute davon abgehalten hat, ihre Romane zu lesen und zu lieben. Die Geschichte, die Ayako Miura in ihrem literarischen Debüt »Gefrierpunkt« erzählt, entfaltet sich um die vielschichtige psychologische Reise eines adoptierten Mädchens, das für die Tochter eines Mörders gehalten wird. In dieser Geschichte verhandelt Miura ganz entscheidende Fragen wie Vergebung und Akzeptanz und deren Bedeutung für das soziale Überleben. Ayako Miuras Romane haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Schon gar nicht in unserer so zerrissenen Zeit, in der die Welt durch die Globalisierung zwar kleiner geworden zu sein scheint, die Distanz und die Vorbehalte, die zwischen uns Menschen stehen, aber zweifellos gewachsen sind. Wir vergessen manchmal, wie kraftvoll die menschliche Seele tatsächlich ist. Und wie bedürftig. Mit ihren Büchern erinnert uns diese Schriftstellerin daran.

Die Pianistin Mari Kodama, geboren 1967 in Osaka, wuchs in Düsseldorf und Paris auf. Ihre Ausbildung erfuhr sie dort am Conservatoire National, und längst hat sie vor allem als Beethoven-Spezialistin einen Ruf erlangt. So hat sie unter anderem sämtlich e32 Klaviersonaten von Beethoven eingespielt, von der Kritik hoch gelobt. Kürzlich hat sie unter dem Titel »Mon ami, mon amour« gemeinsam mit Matt Haimovitz eine CD veröffentlicht mit Werken für Klavier und Cello, mit Werken von Francois Poulenc, Maurice Ravel etc. Für Mari Kodama ist Musik aber auch eine »family affair«: Gern spielt sie vierhändig mit ihrer Schwester Momo Kodama und tritt auch an der Seite ihres Ehemannes auf, des Dirigenten Kent Nagano. Das nächste Mal am kommenden Sonntag (17.Oktober 2021 ) in der Berliner Philharmonie mit der Uraufführung.

 

Gefrierpunkt 

Von Ayako Miura (1964)

Die 1922 in Japan geborene Schriftstellerin Miura Ayako arbeitete zuvor als Lehrerin. Ihr erster Roman »Gefrierpunkt« ist derzeit auf Deutsch leider nicht erhältlich. Andere Bücher von Ayako Miura sind antiquarisch zu finden, so das besonders bekannte »Shiokari Pass«, aber auch »Winterherz« und »Mein Sohn Takiji«. Insgesamt veröffentlichte sie über 80 Werke, darunter auch Sachbücher. Viele ihrer Bücher gelten als Bestseller und wurden als Filme adaptiert.

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