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ZEIT-Redakteur Matthias Krupa über den Roman »Die Fremde« von Stefan Hertmans:

»Es ist die Welt des ausgehenden 11. Jahrhunderts, aber weder ist ›Die Fremde‹ ein her­kömmlicher historischer Roman, noch hat der Autor die Geschichte frei erfunden.«

Ich habe eine Weile in Belgien gelebt und dort so viel Interessantes entdeckt, dass ich seitdem jede Gelegenheit nutze, um für meine Entdeckungen zu werben. Belgien wird doch sehr unterschätzt. Auf Stefan Hertmans bin ich aufmerksam geworden, als ich einen kurzen Text von ihm in der Zeitung las. Er schrieb darin, Brüssel, diese kleine, große Metropole mit ihren vielen Brüchen, sei »das Labor für den Untergang des alten Europa«. Das fand ich ziemlich treffend, also fing ich an, mich für Stefan Hertmans zu interessieren. Hertmans ist Flame und schreibt Niederländisch, zwei Romane von ihm sind auf Deutsch erschienen: »Krieg und Terpentin« (ursprünglich: »Der Himmel meines Großvaters«) und »Die Fremde«, beide sind großartig. »Die Fremde« erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus der Normandie, einer Tochter aus besserem Hause, die im Christentum aufwächst, sich in den Sohn eines Rabbiners verliebt, flieht, konvertiert, ihren Mann verliert, ihre Kinder verliert, weiter flieht, aber dem Hass nicht entkommt und schließlich irre wird an der Welt, in der sie lebt. Es ist die Welt des ausgehenden 11. Jahrhunderts, aber weder ist »Die Fremde« ein herkömmlicher historischer Roman, noch hat der Autor die Geschichte frei erfunden.

Hertmans lebt in Monieux, einem kleinen Dorf in Südfrankreich, dort hatten Kreuzritter im Mittelalter ein fürchterliches Pogrom begangen. So beginnt die Recherche, die ihn auf die Spur einer jungen Frau führt, die damals, vor fast tausend Jahren, als Fremde nach Monieux gekommen war. Oder gekommen sein könnte. Hertmans‘ Suche und die Geschichte, die er findet, fließen in dem Roman ineinander. Sein Weg führt von Rouen nach Kairo, vom 21. ins 11. Jahrhundert und immer wieder zurück. Mich faszinieren Bücher, die die Genres verrätseln, fiction und faction verbinden. Aber ich verstehe, dass es Menschen gibt, die solche Mischformen anstrengend finden. Für sie ist »Die Fremde« eher nicht das richtige Buch. Allen anderen kann ich es sehr empfehlen.

Unser Kollege, der ZEIT-Korrespondent Matthias Krupa, hat Literatur studiert und Politik gelernt, erst Radio gemacht, dann Fernsehen, jetzt Zeitung. Warum? Weil er findet, dass man mit Worten mehr erklären kann als mit Bildern. Matthias ist Europaexperte bei der ZEIT. Er hat lange aus Brüssel über die EU berichtet, mittlerweile lebt er als Korrespondent in Frankreich. Gut für die Frankreich-Berichterstattung, schade für uns in Hamburg, die wir die Gespräche mit ihm auf den Fluren über Bücher, das Bergsteigen, Viktor Orbán oder die besten Bars in Brüssel so vermissen. Besonders lesenswert auch sein Abschieds­bericht aus der EU-Hauptstadt.

 

Die Fremde

Von Stefan Hertmans (2017)

Stefan Hertmans, geboren 1951, gilt als einer der wichtigsten niederländischsprachigen Autoren der Gegenwart. In seinem Beitrag »Intercities« beschreibt der Philo­sophiedozent Stefan Hertmans Brüssel als »eine riesengroße, unordentliche Wohngemeinschaftsküche, die von zahllosen Mitbewohnern genutzt wird«, ohne dass sich jemand für den Abwasch zuständig fühlt. Sein Buch »Die Fremde« ist ein historischer Roman über eine zeitlose Erfahrung: das Leben auf der Flucht. Eine literarische Rekonstruktion einer Geschichte von Liebe, Gewalt und religiöser Verfolgung. Der Roman wurde aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm übersetzt.

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