Der Chef­dirigent der Ham­burg­ischen Staats­oper Omer Meir Wellber über den Roman »Die vierzig Tage des Musa Dagh« von Franz Werfel: 

 

»Ein un­glaub­licher Roman von 1000 Seiten, der an Thomas Mann oder Leo Tolstoi denken lässt«

 

Ich lese viel, und ich habe eine neue Leiden­schaft, nämlich das Werk von Franz Werfel (1890 bis 1945). Ein Autor, der ver­dient, wieder­entdeckt zu werden. »Die vierzig Tage des Musa Dagh«: Ein un­glaub­licher Roman von 1000 Seiten, der an Thomas Mann oder Leo Tolstoi denken lässt. Thema ist der Völker­mord an den Armeniern im Jahr 1915, der sich ab­spielt am Berg Musa Dagh, im Süden der Türkei, einem der letzten Wider­stand­snester im Kampf gegen die osman­ische Armee. Hier trifft sich eine Not­gemein­schaft im Kampf um das täg­liche Über­leben und gegen ihre Ver­nicht­ung, und dabei hat sie in jeder Minute Ent­scheid­ungen zu treffen, die ihre eigenen humanist­ischen und moral­ischen Werte wider­spiegeln.

Held der Ge­schichte ist Gabriel Bagradian – wobei Namen für Werfel nicht sehr wichtig sind. Bagradian stammt aus einer wohl­habenden, armen­ischen Familie, lebt in Frank­reich und hat eine eher kompli­zierte Ver­bindung zu seiner Heimat. Aber genau in diesem wichtigen Moment ent­deckt er seine Wurzeln, ver­steht, woher er kommt. Und plötz­lich findet er sich doch auf dem Berg Musa Dagh wieder.

Die Ge­schichte wird nicht nur als Kriegs­geschehen um Deport­ationen und Massaker er­zählt, sondern auch als innerer Konflikt um Heimat und Tradition. Die eine Ebene ist persön­lich und klein, die andere un­glaublich groß, aber am Ende ist es ein Konflikt, ein Schmerz und weist über das Indi­viduum hinaus. Bagradian hat einen anderen Pass, er könnte sagen: Lass andere kämpfen – aber nein, er ent­scheidet sich, zu bleiben und zahlt einen hohen Preis, einen eigenen und einen der Gesell­schaft. Es gibt ein un­gefähres Happy End. Das schildert Werfel literar­isch sehr komplex: einer­seits wie unter einer Lupe, als klein­teiligen Mikro­kosmos, dann wieder ver­bunden mit den über­geordneten poli­tischen Ereig­nissen. Alles ist wichtig, alles hat mit allem zu tun – und fügt sich zu einem Gesamt­kunstwerk.

Meine Lek­türe habe ich im Sommer be­gonnen, habe sie mir ein­ge­teilt und täglich 18 Seiten ge­lesen. Auf diese Weise hat es zwei Monate ge­dauert. Als Franz Werfel das Buch ve­rfasste, war der Völker­mord an den Armeniern weit­gehend unbe­kannt, alle Infor­mationen musste der Autor sich zusammen­suchen – er hatte kein Google. Erstaun­lich, wie er das ge­schafft hat. Und vor allem hat er dieses histor­ische Ge­schehen als beispiel­haft ge­schildert und 1933, als »Die vierzig Tage des Musa Dagh« er­schien, ver­standen und Tragisches voraus­gesehen, das sich erst er­eignen sollte. Heute, im Jahr 2025, ist das Schick­sal von Minder­heiten immer noch Teil unseres Lebens.

 

Omer Meir Wellber, Jahr­gang 1981, ist seit Kurzem General­musik­direktor und Chef­dirigent der Ham­burg­ischen Staats­oper. Es ist die jüngste Station einer ein­drucks­vollen Karriere, die ihn unter anderem als Nach­folger von Lorin Maazel nach Valencia, nach Palermo an das Teatro Massimo, an die Semper­oper in Dresden und an die Volks­oper in Wien führte. Oper, das ist für ihn »ein Ort, an dem wir alle zu­sammen – ohne Störung, ohne Ab­lenkung, ohne Handy – eine Stunde, zwei Stunden zu­sammen atmen. (…) Wir können der Safe Space sein, den viele Menschen ge­rade suchen«. Lek­türe ist für ihn ein täg­liches Be­dürfnis. Er hat selbst bereits einen Roman ver­fasst: »Die vier Ohn­machten des Chaim Birkner«.

 

»Die vierzig Tage des Musa Dagh«

Von Franz Werfel (1933)

 

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