© Lennart Schneider

ZEIT-Redakteur Thomas Fischermann über den Pflanzenratgeber »Wild at Home: Eine Anleitung für glückliche Zimmerpflanzen« von Lauren Camilleri und Sophia Kaplan:

»Mein Adrenalinspiegel steigt während der Lektüre, doch ich lerne wirklich viel.« 

 

Wenn man dauernd Artikel über den Schutz der Regenwälder schreibt, ist es peinlich, wenn einem die Kokospalme im Büro verdorrt. Das ist aber jetzt passiert. In meinem Büro im ZEIT-Gebäude hängen vier Palmenblätter bräunlich über einen Topfrand hinab. Weder Wasser, Halogenlicht noch »Tropischer Palmendünger Flüssigdüngerkonzentrat Made in Germany« haben das Baumsterben aufgehalten. Aber eine Kollegin hat mir jetzt dieses Buch geschenkt. Es enthält Bilder von gut aussehenden Menschen in England, die noch besser aussehende Pflanzen in ihren Wohn- und Arbeitszimmern stehen haben. »Die Angst, dass die Pflanzen eingehen könnten, hält viele potenzielle Pflanzenfreunde davon ab, sich auf dieses bereichernde Hobby einzulassen«, schreiben die Autorinnen im einführenden Kapitel, und dann signalisieren sie fröhlich: Was für ein Quatsch! Die Indoor-Aufforstung kann kinderleicht gelingen! Genauer gesagt ist das der Tonfall auf den ersten paar Seiten. Danach folgen praktische Anleitungen wie »Der beste Standort« oder »Pflanzennahrung«, die auffällig viele Signalworte aus der Welt des Katastrophenschutzes enthalten. »Erst einmal Ruhe bewahren«, raten die Expertinnen da. »Es gibt einige Dinge, die Sie jetzt beachten sollten.«, »Kein Grund zur Panik, Sie schaffen das!« Mein Adrenalinspiegel steigt also während der Lektüre, doch ich lerne wirklich viel. Zum Beispiel, dass einige Pflanzen nicht auf die Fensterbank, sondern in ein dampfiges Badezimmer gehören. Ich finde das unpraktisch, aber na gut, vielleicht eine Idee fürs alte Helmut-Schmidt-Klo im 6. Stock. Jedenfalls wird dieses Buch bis zur letzten Seite durchgeackert. Ich werde zum Nerd in Anzuchterde-, Düngemittel- und Drainagefragen und sogar die Sicherheitshinweise für das Umtopfen problematischer Tropengewächse beherrschen: »Halten Sie den stacheligen Stamm mit einer gefütterten Zange fest, so ersparen Sie sich den Besuch der Notaufnahme.« Wenn dann am Speersort wieder eine Kokospalme gedeiht, schicke ich ein paar Fotos.

 

Thomas Fischermann ist seit über 20 Jahren Redakteur bei der ZEIT, seit 2013 lebt er abwechselnd in Hamburg und in Rio de Janeiro. Vor drei Jahren hat er gemeinsam mit Madarejúwa Tenharim ein Buch über den Kampf indigener Völker gegen die Holzfäller-Mafia veröffentlicht. »Der letzte Herr des Waldes« ist aus der Ich-Perspektive des Protagonisten Madarejúwa erzählt – aufgeschrieben von Thomas Fischermann. Es geht um das uralte Verständnis der Balance zwischen Mensch und Natur. 

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