18. September 2019 | Hannover

Investigativer Journalismus – Im Zweifel für den Scoop?

Sie recherchieren gegen alle Widerstände, um Missstände und Skandale aufzudecken. Deshalb werden investigative Journalisten auch oft als vierte Gewalt bezeichnet, obwohl sie mit ihren Methoden gelegentlich selbst Grenzen überschreiten müssen. Ein Balanceakt. Yassin Musharbash, Karsten Polke-Majewski und Daniel Müller, Reporter des Investigativ-Ressorts der ZEIT, erzählten im Kulturzentraum Faust in Hannover vor 240 Abonnentinnen und Abonnenten »die Geschichten hinter den Geschichten«. In kurzen Werkstattberichten mit vielen Bildern ging es um Bandenkriminalität in Berlin, das Leben dreier Geflüchteten in Deutschland und das Schicksal einer jungen Frau.

Alle Daheimgebliebenen laden wir nun hier ein, in Fotos und Audiomitschnitten die Geschichten der drei Investigativ-Reporter zu erleben.

 
Yassin Musharbash, Karsten Polke-Majewski und Daniel Müller, Reporter des Investigativ-Ressorts der ZEIT (v.l.n.r.), sprachen in Hannover über ihre Recherchen – ein Arbeitsalltag zwischen Undercoverermittlungen und Datenbergen.
Aber was verstehen wir überhaupt unter investigativem Journalismus? In erster Linie geht es natürlich um die Suche nach einem Stück Wahrheit. Investigativ-Redakteure fungieren als Kontrolleure der Macht. Und die Reporter im Investigativteam gehen dort weiter, wo viele andere aufhören. Nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Um ihren Alltag und die Arbeitsweise besser verständlich zu machen, haben die drei Kollegen Recherchen mitgebracht, die sie bis heute nicht mehr loslassen.
Karsten Polke-Majeweski, seit 2014 Ressortleiter Investigatives und Daten von ZEIT ONLINE und seit kurzem auch von dem neu fusioniertem Gemeinschaftsressort aus Print- & Onlinejournalisten, sprach über ein Mammut-Rechercheprojekt, bei dem er mit einigen Kolleginnen und Kollegen 100 von insgesamt 330 in einer Turnhalle untergebrachten Flüchtlinge vier Jahre später ausfindig gemacht hat, um nachzufragen, wie ihr Leben nach der Flucht weiterging. Eine Recherche, bei der die Reporter vor einem Berg aus Daten begannen, um die Menschen hinter den Zahlen und Aktennummern zu finden. Hören Sie hier seinen Vortrag:
Und nach den Vorträgen der Investigativen immer wieder Rollentausch: In Hannover konnten die Leser den Spieß umdrehen und die Journalisten alles fragen, was sie wissen wollten.
Ist der Titel "Hure. Ärztin. Mörderin?" zu reißerisch und warum berichtet die ZEIT überhaupt über Verbrechen? Verkauft sich das so gut? Wann hört das gesellschaftliche Interesse auf und wann beginnt Voyeurismus? Auch über solch kontroverse Fragen zum Blattmachen diskutierten Journalisten und Leser in Hannover.
Daniel Müller erklärte: Seit er auch Autor unseres neuen ZEIT Verbrechen Magazins ist, wird er häufiger zu solchen Moraldebatten gefragt. Seine Antwort: Als Gerichts- und Kriminalreporter ist es meine Aufgabe der Justiz auf die Finger zu schauen und ihr den Spiegel vorzuhalten. Und auch juristisch hochkomplexe Fragen lassen sich besser an Einzelfällen erzählen. Nach Hannover brachte Daniel eine Recherche mit, die ihn mehr als vier Jahre beschäftigte und in der er das Leben einer Frau nacherzählte, die ausgerechnet jenen Mann tötete, der sie vor dem Untergang gerettet hatte. Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Daniel Müller.
Der Terrorismusexperte der ZEIT, Yassin Musharbash, sprach in Hannover nicht über den so genannten Islamischen Staat, obwohl er dessen Gräueltaten über Monate aus der jordanischen Hauptstadt Amman recherchiert hatte und damit Gesprächsstoff für eine ganze Veranstaltungsreihe hätte, sondern über eine Geschichte direkt vor der eigenen Haustür. Er erzählte über die Machenschaften große Berliner Clans, die nicht nur die Hauptstadt in Atem halten. Yassin Musharbashs Geschichte hinter der Geschichte zum Nachhören finden Sie hier:
Eine Leserin und Gast in Hannover, die extra aus Bielefeld angereist war, wollte wissen, wer letztendlich über eine Veröffentlichung entscheidet. Die ZEIT-Kollegen antworteten: Entschieden wird zusammen – im Team. Argumente werden abgewogen und dann gilt es vor allem zu klären, ob die Geschichte relevant ist.
»Im Zweifel für den Scoop?« haben wir in der Einladung für diesen Abend etwas provokant gefragt. An dem Abend wurde deutlich: »Im Zweifel für den Schutz der Quelle!« Landet so dann auch mal eine angefangene Recherche im Papierkorb? Fragte ein Leser im Publikum weiter. »Mehr als man so denkt. Vielleicht sechs oder sieben von zehn Recherchen werden nicht verwirklicht. Aus verschiedenen Gründen. Einer der häufigsten vermutlich, dass man die Persönlichkeitsrechte schützen möchte«, so die Einschätzung von Yassin Musharbash. Daniel Müller ergänzt: »Grundsätzlich muss man sich immer fragen, wem nützt das und wem schadet das. Keine Geschichte kann so groß sein, dass man dafür ein Leben in Gefahr bringt. Dann sind wir raus!«
Im Gespräch mit den Gästen erklärten die drei Kollegen auch, wie internationale Recherche-Netzwerke funktionieren, wie sie Quellen finden, Informanten schützen – und wann es sich lohnt auch mal einen Anwalt zu kontaktieren.
Was viele nicht wissen: Die Arbeit eines Investigativ-Redakteurs besteht zu großen Teilen auch aus dem Lesen von Akten. Es gibt Fälle, da bekommt man 10.000 Seiten Akten auf denn Schreibtisch gelegt und fühlt sich wie ein Scanner, der Tage und Nächte nur Daten verarbeitet. So erläutert der Daten-Spezialist Karten Polke-Majewski.
Auch nach dem Ende der Bühnen-Diskussion ging das Frage und Antwort Spiel zwischen Publikum und Journalisten weiter.
Nach zwei Stunden hitziger Diskussion über den täglichen Balanceakt zwischen schonungsloser Wahrheitsfindung und Opferschutz, zwischen Schreibtischarbeit und spannender inkognito Recherche, versprechen wir nicht zu viel, wenn wir sagen, dass wir sicher nicht das letzte Mal in Hannover gewesen sind.
Fotos: Ina Mortsiefer für DIE ZEIT