Die Ärztin und Bestsellerautorin Giulia Enders über »Lady Chatterleys Liebhaber« von D. H. Lawrence:

»Wer bei Naturbeschreibungen einschläft oder bei Liebesszenen rot anläuft, sollte die Hand am Bücherregal weiterwandern lassen.«

 

Welches Buch hat Sie kürzlich begeistert?
Richtig begeistert war ich gerade von Liv Strömquists »Ich fühl’s nicht« – ein für mich bis dahin unbekannter Hybrid aus Wissenschaft und Cartoon, allerdings nicht unbedingt ein belletristisches Buch. In diesem Genre war ich zuletzt positiv überrascht von »Lady Chatterleys Liebhaber« von D. H. Lawrence, einem Roman, der sich ursprünglich mit dem Klassenkampf beschäftigen sollte, dabei allerdings einen Umweg über den Liebesroman nimmt. Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung 1928 war es schockierend, wie Lawrence körperliche Bedürfnisse beschrieb, vor allem die Sexualität. Die Lektüre war die Empfehlung eines Freundes, den ich gefragt habe, welche Bücher sich mit dem Thema »Gehirn vs. Körper« beschäftigen. Zunächst war ich unsicher, ob er mich damit reinlegen wollte und mir aus Spaß einen – nennen wir es mal: »Lady-Roman« empfohlen hatte. Aber dann habe ich verstanden, was das Buch darüber hinaus aussagen sollte, und fand das gelungen.

Was macht »Lady Chatterleys Liebhaber« für Sie gerade jetzt aktuell?
Der Roman ist auch heute noch aktuell, weil es mittlerweile eine spürbare Kluft zwischen körperlich und rein digital erlebbarer Welt gibt. Das führt zu einer Art Entkopplung und Verunsicherung, die ich auch immer stärker bei meinen Patienten bemerke. Natur und Körper auf Fakten und Messbares zu reduzieren funktioniert nur ein Stück weit. Das erahnt man durch dieses Buch ein wenig besser.

Wen würden Sie vor diesem Buch warnen und warum?
Wer bei Naturbeschreibungen einschläft oder bei Liebesszenen rot anläuft, sollte die Hand am Bücherregal weiterwandern lassen.

Und was lesen Sie sonst so?
Sonst lese ich meist querbeet. Auf meinem Nachttisch liegt gerade »Song of Solomon« von Toni Morrison (komme mittelschnell voran, vielleicht hätte ich es doch nicht auf Englisch holen sollen), daneben »Komm, ich erzähl dir eine Geschichte« von Jorge Bucay. Das habe ich innerhalb von drei Tagen verschlungen, im Nachhinein bin ich der Ansicht, ich hätte die Lektüre besser verteilen sollen, damit mehr hängen bleibt. Tagsüber studiere ich meist wissenschaftliche Artikel (und tatsächlich nicht nur zum Darm), zuletzt habe ich Spannendes über die Formatio Reticularis gelesen. Dieses Neuronennetzwerk im Gehirn gibt praktisch den Takt unserer Aufmerksamkeit vor. Das Metronom unseres Denkens, wenn man so möchte. Bücher sind dazu vielleicht so etwas wie die Musik.

 

Die Ärztin und Sachbuchautorin Giulia Enders arbeitet am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg und erforscht weiterhin Erkrankungen des Darms. Ihr Bestseller »Darm mit Charme« war 2014 in Deutschland mit über einer Million Exemplaren das meistverkaufte Hardcover-Sachbuch.

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