Der langjährige Innen- und Verteidigungsminister Thomas de Maizière über »Stern 111« von Lutz Seiler:

»Wer über unser Land schon alles zu wissen glaubt und sich nicht neugierig machen lässt, der sollte es lieber nicht aufschlagen.«

 

Welches Buch hat Sie kürzlich begeistert?
»Stern 111« von Lutz Seiler. Ich habe es mit großer Freude gelesen und kann es nur weiterempfehlen. Der Roman betrachtet den Prozess der deutschen Vereinigung unter einem ganz neuen, aber wichtigen Aspekt. Ein Heranwachsender kommt nach der Maueröffnung aus Thüringen nach Ost-Berlin und strandet in einem besetzten Haus, wo er Neues erlebt und doch nicht vorankommt. Noch interessanter ist der Blick auf seine Eltern, die in den Westen gehen. Erst nach Deutschland-West, dann in die USA. Und Seiler zeigt, wie schwierig dieser Weg für viele war. Es gab Verständnisprobleme, das Ausbleiben von Erfolg musste kaschiert werden, sogar vor sich selbst. Die Akzeptanz durch die Wessis war schlecht, von Augenhöhe keine Rede. All das wird lakonisch, zum Teil witzig, liebevoll und deswegen berührend beschrieben.

Was macht »Stern 111« für Sie gerade jetzt aktuell?
Aktuell ist der Roman durchaus, weil er im 30. Jahr der deutschen Einheit einen neuen und notwendigen Blick auf unser Land wirft. Aber das Kriterium »aktuell« lege ich an ein gutes Buch nicht an. Bücher, die angeblich aktuell sind, vergisst man oft schnell.

Wen würden Sie vor diesem Buch warnen und warum?
Freude werden alle daran haben, die ohne Vorurteile lesen können. Wer über unser Land schon alles zu wissen glaubt und sich nicht neugierig machen lässt, der sollte es lieber nicht aufschlagen.

Und was lesen Sie sonst so?
Viel Belletristik, Sachbücher eher wenig. Gerne Bücher, die etwas mit unseren Befindlichkeiten in Deutschland zu tun haben. Wie zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh oder »Glückskind mit Vater« von Christoph Hein, »In Zeiten des abnehmenden Lichts« von Eugen Ruge. Immer wieder reizen mich auch lange Familienromane, die durch ein Jahrhundert wandern wie »Das grüne Zelt« von Ljudmila Ulitzkaja.

 

Thomas de Maizière war langjähriger Innen- und Verteidigungsminister. Heute ist er Bundestagsabgeordneter der CDU. Im vergangenen Jahr veröffentlichte de Maizière einen Werkstattbericht aus dem Politikbetrieb: »Regieren – Innenansichten der Politik«.

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