»Zeit, dass wir uns in München einmal persönlich kennenlernen!« 

7. Oktober 2019 | München

Nur einen Tag nach Ende des Oktoberfestes trafen sich etwa 500 Münchner Abonnentinnen und Abonnenten mit Reportern und dem ZEIT-Chefredakteur  zum ersten Leserparlament im Süden der Republik.

Und für Giovanni di Lorenzo ist München ein ganz besonderer Ort. Lange lebte und arbeitete er dort. Auf der Bühne des Gasteig erinnerte er sich daran, dass sein erster überregionaler Text ebenfalls in München veröffentlich wurde. Ein Kulturtext, der in der Münchner Abendzeitung nicht unter seinem echten Namen erschien. Der damalige Chef vom Dienst hielt den exotisch klingenden Autorennamen Giovanni di Lorenzo für ein exzentrisches Pseudonym und deutschte den heutigen ZEIT-Chef ein: Heinz Lorenz war damals über Giovanni di Lorenzo erstem Text in der Abendzeitung zu lesen.  

Doch weder Heinz Lorenz noch Giovanni di Lorenzo sollten an diesem Abend im Mittelpunkt stehen: Wir wollten unsere Münchner Leserinnen und Leser kennenlernen und miteinander ins Gespräch kommen. Live. Persönlich. 

Welche Themen dabei besonders interessierten und welche Fragen diskutiert wurden, erzählen wir Ihnen in den jetzt folgenden Bildern und Audioausschnitten des Abends.

Zuerst wollte der ZEIT-Chef von seinen angereisten Leserinnen und Lesern wissen, wie lange sie schon die ZEIT lesen? Ob die Lektüre dann und wann zu kompliziert daherkommt? Und in welchem Format die Anwesenden am liebsten lesen? (Viele seit mehr als zehn Jahren, eine Leserin schon seit mehr als 50 Jahren. 70% finden die ZEIT-Schreibe genau richtig, doch 30% sagen: das geht in der Wortwahl einfacher, ohne an Tiefgang einzubüßen. 90% ziehen weiterhin Papier dem digitalen Lesen vor - auch unter den jüngeren Lesern.)
Neben Giovanni di Lorenzo waren auch drei Reporter der ZEIT mit nach München gereist. Unter ihnen Amrai Coen aus dem Dossier. In Werkstattberichten mit vielen Fotos von ihren Recherchen erzählten die Journalisten die »Geschichte hinter der Geschichte«. Amrai Coen wählte in ihrem Vortrag eine Mischung aus Wissenschafts- und Krisenreportage aus, die schon einige Jahre zurückliegt. Hören Sie im Audio direkt unter dem Bild, warum die Reise durch Afrika auf den Spuren des ersten Ebola-Infizierten die Journalistin bis heute nicht mehr loslässt.
Roman Pletter ist stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts und erzählte auf der Bühne des Gasteig von seinen Recherchen, die einem gewaltigen Puzzle ähneln. Er rekonstruiert dabei für einen Zeitungsartikel den Einfluss der US-Eliteuniversität Cambridge auf die Weltwirtschaft und erklärt, warum Cambridge für die mächtigste Schule der Welt hält. Hören Sie jetzt von Roman Pletters Analysen über die Ideenwelt des Mario Draghi (EZB-Chef) und Paul Krugman (Wirtschaftsnobelpreis).

Und die Russland-Korrespondentin Alice Bota hatte Bilder einer Journalistenreise durch Tschetschenien mitgebracht. Die russische Republik im Nordkaukasus versucht sich mit unzähligen Millionen aus dem Kreml zu einem touristischen Hot Spot mit Kampferfahrung neu zu erfinden. Hören Sie hier Alice Bota über gespenstischen Prunk und brutale Showeinlagen.

ZEIT-Leser im Foyer, bevor Sie Chefredakteur Giovanni di Lorenzo befragten.
In einer der ersten Leserfragen wollte eine angereiste Hamburgerin im Münchner Leserparlament wissen, inwiefern das neue »STREIT«-Ressort mehr ist als nur ein regelmäßiges Pro-und-Contra-Format in der Zeitung?
Giovanni di Lorenzo erklärt, dass der Streit in seiner Wahrnehmung von dem unbedingten Willen geprägt sei, den anderen misszuverstehen. Aussagen werden sich gegenseitig an den Kopf geschmissen und das Argument zählt nicht. Bei der Rezivilisierung der Streitkultur wollen wir als Zeitung unseren Beitrag leisten. In der Hoffnung, dass der Streit nicht nur von den Rändern bestimmt wird. Denn die Mitte einer Gesellschaft ist wichtig und sollte nicht weiter verstummt. »STREIT« als Ressort ist in dem Geist entstanden, die Argumentationsfähigkeit der Leserinnen und Leser neu anzuregen und mit Meinungen zu konfrontieren, die man nicht jeden Tag am Abendbrottisch hört.
Die zwölfjährige Tochter eines Münchner ZEIT-Journalisten wollte von Giovanni di Lorenzo wissen, wie es um die jungen Leser der Zeitung bestellt ist. Sie regte in einem Gespräch nach dem Bühnenteil des Abends an, ein Jugendmagazin zu Politik und Gesellschaft zu gründen, schließlich sei die aktuelle Generation so politisch interessiert wie schon lange nicht mehr.
Dieser Münchner Leser kritisierte die ZEIT-Chefredaktion für ihre Entschuldigung nach einem kontroversen Text über das Für und Wider privater Seenotrettung im Mittelmeer.
Wie hält es Giovanni di Lorenzo mit der Werbung für Kreuzfahrtschiffe? Muss das heutzutage noch sein, wenn doch direkt neben der Anzeige im journalistischen Text über die Klimafolgen berichtet wird?
»Wenn wir in der ZEIT auf Anzeigen verzichtete, würde das den Preis für die Leser mehr als verdoppeln. Viele Leser würden wir dadurch ausschließen, die sich das Zeitunglesen dann nicht mehr leisten könnten. In der Abwägung leben wir bei der ZEIT somit lieber in der Spannung aus Kreuzfahrt-Anzeige und kreuzfahrtkritischem Artikel.«
Und wie bei jedem Leserparlament sammelten wir auch in München wieder Anregungen und Fragen für neue Geschichten der ZEIT ein, die der Chefredakteur in Hamburg dann an die Fachressorts verteilt. Dabei versprechen wir nicht, dass alle Themen umgesetzt werden, wohl aber, dass über alle Anregungen in der Redaktion diskutiert wird.
Und da auch der ZEIT-Leser nicht nur von gesellschaftlichen Debatten und spannenden Hintergrundberichten zu begeistern ist, freuten wir uns sehr, dass die Musikerin Alin Coen mit ihren Zwischenkonzerten dem Leserparlament in München auch den einen oder anderen Gänsehautmoment beschert hat.

Musik von Alin Coen finden Sie hier >>

Nach über drei Stunden ZEIT-Journalimus live bleibt uns nur noch danke zu sagen, allen Abonnentinnen und Abonnenten, die mit ihrer Treue den ZEIT-Journalismus in der Tiefe und Breite erst möglich machen. Von rechts auf der ZEIT-Bühne: Giovanni di Lorenzo, Amrai Coen, Roman Pletter, Alice Bota, Hanna Gieffers, Patrik Schwarz, Wencke Tzanakakis.
Doch was ist nun aus dem Anfangswunsch des Abends geworden: »Zeit, dass wir uns kennenlernen«?
Mein Fazit als Gastgeberin: Ich hoffe sehr, dass einige von Ihnen nun anders als noch zuvor Ihre Zeitung lesen. Denn Sie wissen jetzt, wer für Sie nach Tschetschenien, nach Sierra Leone und an die Eliteuniversität der USA reist. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Wir Zeitungsmacher werden nun anders Zeitung machen, denn wir haben die Menschen getroffen, die uns Woche für Woche lesen.
Fotos: Ina Mortsiefer für DIE ZEIT