Marion-Dönhoff-Preis 2025: Laudatio auf das Internationale Komitee vom Roten Kreuz
von Serap Güler, Staatsministerin im Auswärtigem Amt
Sehr geehrte Frau Präsidentin Spoljaric, sehr geehrte Mitglieder der Jury des Marion-Dönhoff-Preises, meine sehr verehrten Damen und Herren,
das Internationale Komitee vom Roten Kreuz stellt sich nicht ins Rampenlicht. Im Gegenteil. Seit über 160 Jahren leistet es Arbeit im Stillen – oft umgeben von Kriegsgetöse – beharrlich und bescheiden. Daher müssen Andere ab und zu den Scheinwerfer auf sie richten. Heute ist es meine ganz persönliche Ehre, dies zu tun.
Das Rote Kreuz insgesamt hat schon drei Nobel-Preise erhalten. Liebe Jury: Sie müssen sich schon fragen lassen, ob Sie es sich ein bisschen leicht gemacht haben… Aber nein, das haben Sie nicht. Es ist so richtig und wichtig, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz – das IKRK – heute mit dem Marion Dönhoff Preis ausgezeichnet wird. Gerade jetzt. Es ist keine Zeit zum Feiern. Wir befinden uns in sehr schwierigen Zeiten. Ich könnte sagen: „Es herrscht Krieg“, aber umgedreht wird es noch klarer: „Krieg herrscht“.
In vielen Teilen dieser Welt, und auch wieder in Europa, beansprucht das Primat der Sicherheit unsere Aufmerksamkeit – und unsere Ressourcen. Bedarfe für humanitäre Hilfe gehen hoch, Budgets gehen herunter – auch bei uns. Krieg herrscht. Darin liegt die einfache aber fundamentale Erkenntnis, die dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz zugrunde liegt: Entfesselter Krieg zerstört die Würde des Menschen. Krieg muss in die Schranken des Rechts verwiesen werden. Das ist das humanitäre Völkerrecht. Das sind die Genfer Abkommen. Sie sind eine zivilisatorische Errungenschaft. Und sie sind in Gefahr. Die bittere Realität ist: Das humanitäre Völkerrecht wird in den heutigen Kriegen mit Füßen getreten. Kraftwerke und Krankenhäuser werden gezielt angegriffen. Zivilisten werden auf der Straße erschossen. Vergewaltigungen werden als Kriegswaffe eingesetzt. Kriegsgefangene werden gefoltert und ermordet. Kinder werden verschleppt. Die Verteidigung des humanitären Völkerrechts ist eine der großen Aufgaben unserer Zeit. Und keine Institution war so zentral für die Entwicklung des humanitären Völkerrechts wie der diesjährige Preisträger: das Internationale Komitee vom Roten Kreuz – das IKRK.
Wir haben es gerade im Film gesehen: Der Ursprung des Roten Kreuz liegt im blutigen Schlachtfeld von Solferino vor 166 Jahren, wo Henry Dunant mit ansehen musste, wie an einem einzigen Tag 25.000 Soldaten verwundet wurden und ohne Hilfe litten. Mit ein paar Dorfbewohnern barg und versorgte er die Opfer – egal, unter welcher Fahne sie gekämpft hatten. Ihr Motto damals: „Siamo tutti fratelli“ – wir sind alle Brüder.
Unten im Gebäude des Auswärtigen Amts in Berlin – das ja als Zentrale der Deutschen Reichsbank gebaut wurde – befindet sich heute hinter den alten Tresor-Türen das politische Archiv des Auswärtigen Amtes. Dort liegt ein bemerkenswerter Brief aus dem Jahr 1921. Der damalige Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes erzählt darin, wie aus der traumatischen Erfahrung von Henry Dunant in Solferino eine Bewegung zu entstehen begann. Er schreibt: „Ein Entschluss reift in ihm, dass es so nicht weiter sein dürfte. Er schreitet zur Tat, findet Freunde, die sich mit ihm vereinen, und ihr Ruf geht hinaus in die Welt und findet lauten und tiefen Widerhall.“
Meine Damen und Herren, dieses entschiedene „So darf es nicht weiter sein“ ist der Ursprung der ganzen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. In nahezu allen Ländern der Welt leisten die nationalen Gesellschaften humanitäre Hilfe. Doch wir ehren heute die Institution im Kern der Bewegung: Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Es ist eine einzigartige Organisation.
Liebe Frau Spoljaric, ich schätze einen Satz sehr, den Sie über das IKRK sagen: „Wenn die Welt Partei ergreift, ergreifen wir Partei für die Menschlichkeit.“ In diesem Satz steckt so viel über die Institution, die Sie leiten. Der unnachgiebige Dienst an der Menschlichkeit genau dort, wo sie am meisten verloren zu gehen droht. Und die absolute Unparteilichkeit, die Ihnen auch dann noch Zugang ermöglicht, wenn niemand sonst mehr Zugang erhält. Im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes liegt auch ein Telegramm des IKRK. An Adolf Hitler. Vom 4. September 1939. Drei Tage nach Kriegsbeginn bietet das IKRK darin seine „neutralen Vermittlungsdienste in der Tradition des Roten Kreuzes“ an.
Das gleiche Angebot ging an alle Kriegsparteien. Unparteilich. Auch das IKRK konnte den grauenvollen Zivilisationsbruch der Nazis nicht einhegen und seine deutlichen Forderungen in den Kriegsjahren verhallten im Führerbunker. Und dennoch konnte das IKRK wenigstens stellenweise die Fronten überbrücken. Unparteiisch Hilfe leisten. Kriegsgefangene besuchen und auf die rechtliche Pflicht ihres Schutzes hinweisen. Und Vermisste ausfindig machen. Selbst heute noch findet die Enkelgeneration hier in Deutschland in Familienunterlagen noch Briefe mit dem Emblem des Roten Kreuzes. Wir sind – Deutschland ist – dafür nach wie vor dankbar. Und deswegen verstehen wir es auch so gut – und unterstützen es maßgeblich – wenn das IKRK auch heute noch diese einzigartige Arbeit tut: Gefängnisbesuche auf der ganzen Welt. Gefangenen-Austausche – wie zuletzt vielbeachtet in Gaza, aber so viel öfter abseits der Öffentlichkeit. Und immer noch die Suche nach Vermissten. Allein in der Ukraine werden über 60.000 Menschen vermisst. 60.000 bangende Familien, denen Sie mit der Central Tracing Agency des IKRK in Genf helfen. Diese Arbeit ist von unschätzbarem Wert und Deutschland unterstützt sie auch finanziell mit voller Überzeugung.
Meine Damen und Herren, im Oktober war ich in Sudan – der aktuell größten humanitären Krise der Welt. Seit Ausbruch des Krieges vor über zwei Jahren war kein westlicher Politiker mehr da gewesen.
Liebe Frau Spoljaric: Sie waren schon letztes Jahr dort. Sie haben dort für humanitären Zugang und den Schutz von Zivilisten und humanitärem Personal geworben. Und so konnte das IKRK in Sudan allein letztes Jahr über 2 Millionen Menschen Zugang zu sauberem Wasser ermöglichen – während Cholera grassierte. Dieses Jahr bekamen in Sudan mehr als 23.000 Menschen durch die Hilfe des IKRK Zugang zu medizinischen Operationen. Und Ihre Kolleginnen und Kollegen erreichen dies unter dem Einsatz ihres eigenen Lebens. Letztes Jahr wurden 383 humanitäre Helfer, darunter auch Mitarbeitende des IKRK, im Einsatz getötet. Dieses Jahr sind es schon 10 aus Ihren Reihen.
Meine Damen und Herren, wenn sogar humanitäre Helfer angegriffen werden, wird das humanitäre Völkerrecht mit Füßen getreten. So darf es nicht weiter sein. Und das ist ein letzter Aspekt der Arbeit dieser besonderen Institution, den ich unterstreichen möchte. Das IKRK ist nämlich nicht nur zentral für die Entstehung des humanitären Völkerrechts, sondern auch für dessen Zukunft. Es ist explizite Aufgabe des IKRK, über die Genfer Abkommen zu wachen. Und das tut es. Indem es Verletzungen des humanitären Völkerrechts anspricht – vertraulich aber unnachgiebig. Indem es die Vertragsstaaten der Genfer Abkommen formell konsultiert – auch uns! Und indem es die offenen Fragen bearbeitet: Wie gehen wir mit Drohnen und autonomen Waffensystemen um? Was bedeutet Künstliche Intelligenz für die menschliche und staatliche Rechenschaft im Krieg? Das IKRK mahnt uns Staaten, verantwortungsvolle Antworten auf diese Fragen zu finden und das humanitäre Völkerrecht nicht nur zu respektieren, sondern es weiter zu entwickeln.
Liebe Frau Spoljaric, für all diese Aspekte der einzigartigen Arbeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz darf ich Ihnen, stellvertretend für ihre Tausenden Mitarbeiter auf der ganzen Welt, heute danken. Während wir hier sitzen, fahren Jeeps zu abgelegenen Haftanstalten mit fensterlosen Zellen. Geiselübergaben werden verhandelt. Vermissten-Daten analysiert. Tausende Dienste an der Würde des Menschen. Und morgen wieder. Weltweit. Ich danke Ihnen als Staatsministerin im Auswärtigen Amt, aber vor allem danke ich Ihnen als Mensch.
Die Frau, deren Name dieser Preis trägt – Marion Dönhoff – rief uns zu: „Denkt nicht nur an das eigene Leben, denn jeder von uns ist für das Ganze mitverantwortlich. Die Gesellschaft kann nicht besser sein als die Summe ihrer Bürger.“ Sie als IKRK verkörpern diesen Gedanken jeden Tag. Sie dienen nicht nur der Gesellschaft, sondern der Würde des Menschen. Dafür gebührt Ihnen unser tiefster Dank und höchste Anerkennung. Ergreifen Sie weiter Partei für die Menschlichkeit. Ich versichere Ihnen: Wir bleiben an Ihrer Seite.
Herzlichen Glückwunsch zum Marion-Dönhoff-Preis 2025!